Album review of Eyes On The Highway by Plattentests (in German)

Schmachtbolzen

Ästhetische Grausamkeiten auf Plattencovern scheinen in jüngster Vergangenheit Konjunktur zu haben. Man beachte nur die Fleisch-Metall-Fixierung auf dem kürzlich erschienenen Stereophonics-Desaster “Pull the pin”. Ein Hingucker, keine Frage, und Kollegin Mautz konnte dann auch nur schwerlich an sich halten. Anscheinend wollen derart gepolte Bands mit dem Layout schocken, weil der ganze Rest absolut schockfrei, warmgespült und belanglos ist. Im gegenwärtigen Fall verhält es sich ganz ähnlich, denn die dänische Band Saybia schlägt mit ihrem dritten Album in die gleiche Kerbe. Welchem surrealistischen Alptraum das fliegende Bäumchen auf dem Cover entsprungen ist, weiß die Band wohl selbst nicht. Der Musik hat es jedenfalls kein bisschen genützt.

Beim ersten Durchlauf bleibt nichts hängen. Kein Ton, höchstens ein paar Gitarren, und einige Streicher waren wohl auch dabei. Nette Abwaschmusik ist das und auf jeden Fall radiotauglich. Mit Schmachtstimme vorgetragen scheint Sänger Søren Huss die ganze Zeit “Lass dich nicht stören” zu singen. Doch man möchte gestört werden. Also noch mal:_Die Ablenkungsspielzeuge werden in die Besenkammer verbannt und die Knöchel an den Boxen mit einem doppelten Palsteak festgezurrt. Los geht’s.

Die ersten vier Minuten vergehen relativ schmerzfrei. “On her behalf” ist ein gefälliger Popsong mit einer Prise zu viel orchestralem Pathos. Mit “7 demons”, dem zu Herzen gehenden Opener auf “The second you sleep”, hat “On her behalf” aber nichts mehr zu tun. “Eyes on the highway” animiert schon nach dem ersten Refrain zum Gähnen und die Gedanken verfangen sich in den Gardinen. Die müssten schließlich auch mal wieder gewaschen werden. Der verdammte Seemannsknoten schraubt sich ins Fleisch, während Saybia mit “Angel” und “Godspeed into the future” zwei triviale Power-Pop-Balladen intonieren, die so auch in massenkompatiblen Musicals zu finden wären.

Man ruckt und zuckt, möchte die 50 Albumminuten anderweitig nutzen. “Romeo” lässt dann mit seiner lebhaften Melodie doch noch aufhorchen und erinnert an das großartige Debütalbum der Dänen. In der Zwischenzeit hat man unter dem Sofa ein extrem zerlesenes Gedichtbändchen von Robert Gernhardt gefunden. Mit schmerzverzerrtem Gesicht lugt man in die Seiten und findet Verse, die Saybias neues Album am treffendsten beschreiben. “Vor Augen gedenk ich der Stimmen / Die heut zu mir sprachen, so / Drucklos, so dranglos, so / Schwunglos, so harmlos, so / Bißlos, so zwanglos, so / Harnlos, so hirnlos.”

Rating

2 out of 6

Author

Steffen Meyer (Plattentests)

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